
tanzschreiber-Rückblick Tag 5 von Thaddäus Maria Jungmann
Dearest gentle reader,
zum Frühstück gibt es Kuchen, doppelten Espresso hinterher, final eine Zigarette. Es ist keine Mahlzeit, es ist ein toxisches Ritual – ein letzter Versuch, diesen Körper zu retten, ihn zumindest würdevoll über die Ziellinie dieses Festivals zu tragen. Denn eines ist klar: Nach diesen Tagen muss ich mich renovieren. Von innen wie von außen. Meine Gedanken sind ausgefranst, mein Nervensystem überreizt, mein Blick geschärft und zugleich erschöpft. Und während ich in der Villa Wigman sitze und mich selbst wieder zusammenzusetzen versuche, wird mir bewusst: Die Renovierung ist längst im Gange. Nicht nur in mir. Seit über zehn Jahren kämpft der Verein „Villa Wigman für Tanz“ für die Erhaltung und zukünftige Nutzung des ehemaligen Schaffensortes von Mary Wigman. Auch hier geht es um Wiederherstellung. Um das Freilegen von Schichten. Um die Frage, was bleibt – und was man überhaupt erhalten will.
Bereits am Vorabend lernte ich das Vereinsmitglied Johanna Roggan kennen. Meinem zunächst recht einseitigen Wissen – dass Wigman ihren Tanz als ideologisch anschlussfähig für den Nationalsozialismus verstand – stellte Roggan eine andere Perspektive gegenüber: dass Wigman zugleich auch jüdische Personen in ihrem Haus untergebracht habe. Und plötzlich verschiebt sich etwas. Nicht, weil sich die Geschichte auflöst – sondern weil sie sich verdichtet. Weil sie widersprüchlich bleibt. Weil sie sich nicht sauber restaurieren lässt. Vielleicht, dear gentle reader, liegt genau hierin die eigentliche Aufgabe: nicht darin, makellose Fassaden zu errichten, sondern im Aushalten der Brüche. Im Weiterarbeiten trotz Widerspruch. Und ist Schreiben nicht selbst ein fortwährender Renovierungsversuch? Und so erhebe ich – ein letztes Mal bei dieser Tanzplattform – meine Feder. Nicht, um zu richten. Nicht, um zu glätten. Sondern um festzuhalten: Dass wir alle, auf die eine oder andere Weise, inmitten von Baustellen stehen.
Es ist, wie so oft, komplexer als gedacht – und vielleicht auch unbequemer. In jedem Satz Roggans spürt man die Leidenschaft, fast schon eine persönliche Verpflichtung, diese Gebäude nicht nur zu erhalten, sondern sie mithilfe von Förderstrukturen zu renovieren, als Spielstätte zu reaktivieren und die oberen Räume – den goldenen wie den silbernen – zu Residenzorten für Künstler*innen auszubauen. Ohne Spenden wird das nicht gehen – und selten fühlte sich ein Hinweis darauf weniger wie Pflicht und mehr wie Einladung an: Hier spenden.
Umso schöner – und zugleich aufschlussreich –, dass ein Pitching mit in Sachsen lebenden Künstler*innen genau hier stattfindet. Ich ermahne mich, diese Präsentationen nicht vorschnell als potenzielle Showcase-Beiträge zu lesen. Der eigentliche Wert liegt in der Begegnung. Und doch ist spürbar: Für manche geht es um Sichtbarkeit – für andere um strukturelle Fragen, um Netzwerke, um Zukunft. So etwa bei der Forward Dance Company, die 2023 den Deutschen Pavillon der Biennale di Venezia bespielte. Hier geht es weniger um Bekanntheit als um künstlerische Konstellationen – etwa für den Leiter Gustavo Fijalkow, der mit wechselnden Choreograf*innen – unter anderem auch schon mit Elsa Artmann – arbeitet. Ein Modell, das in der freien Szene fast schon radikal wirkt: Kontinuität in der Kompanie, Wandel in der Handschrift. Ganz anders Irina Pauls, die keine Kompanie braucht, sondern für ihren „Maientanz in Espenhain“ wirbt. Mit einfachen Bändern – fast wie ein Maibaum – aktiviert sie die Zuhörer*innen damit zu spielen. Ihre Praxis setzt auf Simplizität, nicht als ästhetische Reduktion, sondern als soziale Öffnung: Kreistanz als Begegnung.
Bei Miller de Nobili hingegen schlägt zunächst die Ästhetik ein – kraftvoll, präzise, beinahe überwältigend. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich eben auch eine kritische Auseinandersetzung mit Männlichkeit in der Breaking-Szene. Und doch kann ich mich nicht zurückhalten: „Hype the Pain“ schreit förmlich nach Showcase. Auch go plastic company präsentiert sich als strukturbewusste Position: hybrid, kollaborativ, offen für Formate wie Audiodeskription. Und genau hier lohnt sich ein genauer Blick, nicht nur auf das Potenzial, sondern – obwohl auch mit Künstler*innen wie Pernille Sonne gearbeitet wird – auch auf Fragen der Vereinnahmung und Vermarktung. Und dann ist da Sahar Damoni, die den Raum verändert. „Let’s breathe together.“ Kein Wellness, kein inszeniertes Innehalten – sondern eine ehrliche verbindende Einladung. Ihre Arbeit berührt Themen wie Abtreibung, posttraumatische Erfahrungen und Zugehörigkeit: „Who am I, when the country I am from doesn’t feel like home, and my new home is not yet mine?“ Was sie braucht: Häuser, die sie einladen. Sollten sich Kurator*innen unter meiner Leser*innenschaft befinden: now would be the moment.
Später, auf dem Weg zum Staatsschauspiel Dresden, spreche ich mit meiner Begleitung über Sitzmöglichkeiten. Mehr Sitzsäcke, sind wir uns einig, würden Formate wie Pitchings sofort verändern – weniger Frontalität, mehr Ankommen. Im nächsten Saal sitzen wir dann doch wieder auf Stühlen. „Dive into you“ von Kat Válastur beginnt in Dunkelheit. Ein Brummen. Der Bass durchfährt den Körper – er divet tatsächlich in mich hinein. Es brodelt. Und weil es der letzte Tag ist, wird dieses Brodeln zum Rückblick. Ein Echo der ersten Tage: das Donnern, die explosiven Reden, die Bombe. Das Licht fadet ein. Válastur sitzt auf einem Stuhl – leider kein Sitzsack – auf einer Holz-Plattform. Ein tableau vivant. Ein Bein stampft, Arme schleudern, Haare wehen. Hinter ihr ein Kranz aus Mikrofonen. Jeder Aufprall ihres Fußes wird zum Donner. Der Körper als Instrument – und sofort denke ich an Eszter Salamon. Beide sitzen auf einem Stuhl, beide arbeiten mit Reduktion. Doch während Salamon die Stille auflädt, operiert Válastur mit Lautstärke. Fast wie ein Vorher-Nachher und auch ein generationaler Dialog: gestern das Konzeptuelle, heute das Unmittelbare. Gerade an diesem Stück wird erfahrbar, was es bedeutet, eine Arbeit einzuladen, die als bemerkenswert für die letzten zwei Jahre gelten kann – eine Setzung, die nicht nur behauptet, sondern körperlich einlöst, warum sie hier steht. Und plötzlich erschließt sich mir die Dramaturgie dieses Festivals: Es gibt gesetzte Arbeiten – Ankerpunkte –, um die herum sich andere Positionen gruppieren. Ein bewusst gebauter Spannungsbogen.
Kurz vor Schluss, Válastur: „Please forgive me, I’m sorry.“ Und wissend, dass Carena Schlewitt zwei Reihen hinter mir sitzt, werde ich unerwartet sentimental. Ich drehe mich nicht um. Aber ich sende eine Entschuldigung – vielleicht kommt sie an. Am ersten Tag wurde mein Text beinahe nicht veröffentlicht. Ich bin dankbar, dass die Großkuratorin Intendanza von Schlewitt anders entschieden hat. Denn auch mich hat das verändert. Es hat mich gezwungen, meine Position zu klären: Was will ich sagen – und wie? Ich bin kein Teil von HELLERAU. Und doch habe ich – durch die Veröffentlichung auf ihrer Homepage – in enger Verzahnung mit diesem Haus geschrieben. Eine Nähe, die ich mir nicht ausgesucht habe, die aber Verantwortung erzeugt. Vielleicht liegt genau darin eine Herausforderung: Kritik nicht nur von außen zu formulieren, sondern auch aus einer gewissen Verstrickung heraus. Den Mut zu haben, ehrlich zu bleiben – und diese Ehrlichkeit verhandelbar zu machen.
Auf dem Rückweg – mein zuckersüchtiger Körper giert nach Eierschecke – lese ich den Ankündigungstext zu „Dive into You“ erneut. Ein weibliches Orakel, Photosynthese, Baumwachstum. Ich denke wieder an Förderlogiken und bin dankbar, dass dieser Ansatz gefördert wurde, auch wenn ich ihn selbst nicht erkannt habe. Aber den letzten Satz – den habe ich körperlich erlebt: „Die Arbeit entpuppt sich als ein Orakel, das uns mit unserem geheimsten und zärtlichsten Teil verbinden will.“
Als Abschluss: „Lovedance“. Katharina Senzenberger und Tasha Hess-Neustadt betreten in Fluggurten die Bühne, klicken die Karabiner ein – Anschnallen. Was folgt, scheint zunächst einer queeren dramaturgischen Handschrift zu folgen, die mit Zeitlichkeit spielt und zugleich einen simplen, fast radikalen Gedanken à la bell hooks in den Raum stellt: Love is work. Denn kaum entstehen Momente von Nähe, kaum könnte sich Intimität entfalten, wird sie wieder unterbrochen. Was sich ankündigt, wird entzogen. Was weich werden könnte, bleibt zunächst angespannt. In all dem potenziellen Kitsch liegt eine radikale Ernüchterung – und genau das ist für manche im Publikum schwer auszuhalten. Der Vorwurf: heteronormativ. Wären hier ein Mann und eine Frau in den Gurten, so heißt es, hätte man das Stück wohl zerrissen. Doch hier schwingen weder Mann noch Frau. Vielleicht lohnt es sich, die Frage umzudrehen: Wird „queer“ noch immer vorschnell mit radikaler Dekonstruktion gleichgesetzt? Mit dem Bruch, dem Dagegen, dem Sichtbarmachen von Differenz um jeden Preis? Dabei könnte die eigentliche Radikalität längst woanders liegen. Nicht im Verwerfen, sondern im Übernehmen. Queerness muss nicht notwendig Widerstand in der Form sein. Vielleicht ist es genau das, was irritiert: dass queere Körper nicht nur gegen Ordnungen arbeiten, sondern sich auch in ihnen einnisten, sie bewohnen, sie umcodieren. Dass sie heiraten, monogam leben, Fürsorge praktizieren – und darin keine Anpassung liegt, sondern eine andere Form von Radikalität.
Im Nachgespräch wird genau das verhandelt: Warum „Lovedance“ Liebe aus einer queeren Perspektive betrachtet – und nicht einfach als etwas vermeintlich „Menschliches“. Dramaturg*in Valerie Wehrens formuliert es am nächsten Tag in einem Instagram-Post pointiert: „Queerness entsteht aus einer machtkritischen Perspektive gegen Unterdrückung.“ Und – wie ein nachträglicher Einschub, der sich wie ein Echo über den gesamten Festivalkontext legt – gerade am internationalen Tag gegen Polizeigewalt wird deutlich, dass eben nicht allen gleichermaßen zugestanden wird, einfach „menschlich“ zu sein: „Wer das behauptet, sollte sich diese Gesellschaft noch einmal genauer ansehen.“ Diese Setzung wirkt nach, ebenso episch wie der Pro7-20:15-Blockbuster-Moment der Tanzplattform: Während die beiden auf Wolke sieben schweben, lege ich meinen Kopf in den Schoß einer alten Mitbewohnerin, die ich nach sieben Jahren zum ersten Mal wiedersehe. Und plötzlich passiert etwas, das sich nicht mehr analysieren lässt: Ich spüre mich. Vielleicht hatte Senzenberger recht, als they am Abend zuvor sagte: „Don’t think about kitsch too much. Just fucking feel your feelings.“
Mit zwei Eierschecken in der Hand renne ich zur Tram 8. Die Türen schließen sich – und doch ist das Festival noch nicht vorbei. Im Zug: vereinzelte Besucher*innen, letzte Gespräche, lose Enden. Und dann, fast beiläufig, ein Wort über Jessica Nupen, das ich mich in einem objektiven Text nicht getraut hätte zu schreiben: „Skandal.“ Und vielleicht ist es genau diese Reibung, die bleibt – eine Reibung, mit der die Projektleitung Christoph Bovermann und Elisabeth Krefta auf der Plattform spürbar souverän umgegangen sind, ohne sie zu glätten oder aufzulösen. Der Wunsch, weiterzureisen, weiterzusehen. Die nächste Tanzplattform ist bereits angekündigt – 2028 in Hannover. Ein Blick auf die zukünftige Jury lässt erahnen, dass sich Perspektiven in der Auswahl der Stücke verschieben könnten: hin zu mehr Diversität, mit stärkerem Fokus auf Inklusion, vielfältiger Tanzstile und junge Publika. Vielleicht werden dort Wege gegangen, die hier nur erahnt oder erst visioniert werden konnten. Schon die Zusammensetzung der Jury lässt hoffen, dass unter der Leitung von Melanie Zimmermann gemeinsam mit der Dramaturgin Charlotte Pfingsten auch das Rahmenprogramm als politischer Ort weitergedacht und kuratiert wird.
Ich komme an. Zurück in Köln gehe ich direkt weiter – auf eine Demo. Der „Internationale Kiosk“ in Ehrenfeld soll seinen Pachtvertrag verlieren, die Wände beschmiert mit rechten Parolen. Menschen aus dem Viertel stellen sich dagegen. Und dann passiert etwas Unerwartetes: Sie beginnen zu tanzen. Ein Kreistanz. Ich denke an Espenhain. Ich denke an Irina Pauls. Und ich denke an Kulturministerin Klepsch: Denn plötzlich ist da diese Nähe, diese einfache, unmittelbare Verbindung, Tanz als universale Sprache, welche Worte nicht beschreiben könnten.
Und vielleicht, dear gentle reader, ist genau das das größte Geheimnis dieser Tage gewesen:
Dass zwischen all den Diskursen, Strategien und Setzungen immer wieder etwas aufblitzte, das sich jeder Einordnung entzog. Etwas, das einfach nur verband.
Sie hören von mir.
Ihre ergebene Autorin
Über Thaddäus Maria Jungmann

Foto: Malika Ouis
Thaddäus Maria Jungmann studierte Szenische Künste in Hildesheim sowie Musical in Osnabrück. Thaddäus lebt als freiberufliche*r Performer*in und Dramaturg*in in Köln, wo sich Thaddäus momentan in deren Masterthesis im M.A. Tanzwissenschaft mit künstlerischer Audiodeskription beschäftigt. Eigene Arbeiten verbinden minimalistische Konzeptkunst und Bewegung und sind geprägt von subtilem Humor und zärtlicher Provokation. Außerdem ist Thaddäus als freie*r Journalist*in bei tanz und Theater der Zeit beschäftigt.


