TPD 2026
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tanzschreiber-Rückblick Tag 3 von Thaddäus Maria Jungmann

Dearest gentle reader,

am gestrigen Tag wurde aufgesattelt. Unser erster Besuch galt einer Figur, die in Dresden noch immer über allem zu thronen scheint: August der Starke. Gülden glänzt er auf dem Neustädter Markt, besser bekannt als „Goldener Reiter“. Unübersehbar weist er uns den Weg, als wolle er sagen: Hier entlang. Doch, mit Verlaub, lieber August – steigen Sie doch einmal von Ihrem hohen Ross. Ihre Zeit ist vorbei.

Am Fuße der Statue steht nämlich die Gegenwart: Im Rahmenprogramm „Mornings on Fire“, organisiert vom Breaking-Kollektiv The Saxonz (u. a. mit Joanna „Sestra“ Mintcheva (Breaking) und Natalie Schäfer (Dancehall)), führt uns die Choreografin Yeliz Pazar an diesem Morgen in den Stil Waacking ein. Sobald wir uns im Tanzjournalismus auch nur einen Schritt vom Ballett entfernen, neigen wir bekanntlich zu langen Definitionsliturgien. Ich hoffe also sehr, dass dem Fachpublikum dieser Stil bereits ein Begriff ist. Doch weil Pazar selbst in ihrem Pitch auf die Historie verweist, sei er – auch für Leser*innen außerhalb der Tanzszene – kurz erläutert: Waacking entstand in der queeren Disco-Szene von Los Angeles in den 1970er-Jahren. Schnelle, präzise Armbewegungen, starke Posen, viel Attitude – kurzum eine performative Form der Selbstermächtigung. Absolutistische Selbstdarstellung scheint hier also durchaus erlaubt. Ganz in Ihrem Sinne, lieber August. Aber Achtung, die um die 50 versammelten Personen könnten Sie mit ihren Armbewegungen gleich entthronen. Menschen stehen dem Reiter gegenüber, schneiden die Luft mit ihren Armen, als würden sie Sorgen von außen einfach wegklatschen. Eine Teilnehmerin aus Dresden erzählt, sie habe sich extra den Morgen bei der Arbeit freigenommen, um teilnehmen zu können. „Ich fühle mich jetzt ganz stark und bereit für den Tag“, sagt sie. „Als hätte ich einen Jungbrunnen durchlaufen.“

Und tatsächlich: Heute scheint der perfekte Tag, um die eigenen Wurzeln im jugendlichen Frohmut wiederzuentdecken. Denn dieser Festivaltag steht – flapsig gesagt – ganz im Zeichen der Kinder. Bemerkenswert sollte es aber nicht sein dürfen, dass ein Festival wie die Tanzplattform Deutschland einen ganzen Programmschwerpunkt für junges Publikum setzt. Der Ort dafür ist das tjg. theater junge generation, eines der größten Kinder- und Jugendtheater Deutschlands, dessen Architektur und Infrastruktur konsequent auf junge Zuschauer*innen ausgerichtet sind. Als wir den Saal betreten, halte ich die Sitzmöbel zunächst für Liebessitze aus einem Kinosaal. Erwachsene zu Gast.

Das Stück „Spiel im Spiel“ von Ceren Oran & Moving Borders, wirkt wie ein einziges Abenteuer. Es springt – oder gleitet – von einer Spielweise zur nächsten: eben noch gilt es, den imaginären Lavaboden zu vermeiden, im nächsten Moment ziehen unsichtbare Fäden an einzelnen Körperteilen. Als hätte sich das Stück vorgenommen, keinerlei Grenzen zu akzeptieren. Requisiten werden mit einer Hingabe behandelt, als wären sie selbst Darsteller*innen. Nichts verschwindet endgültig, alles kehrt wieder zurück – das Timing dabei ist erstaunlich präzise. Besonders eindrücklich: Als die Tänzerin Jin Lee jeweils mit Füßen und Händen in zwei weiße Sneaker schlüpft und sich wie ein vierbeiniges Tier über die Bühne bewegt. Kurz darauf liegt sie seitlich auf der Hüfte und lässt ihre Extremitäten raupenartig weiterwandern, bis sich das Kostüm selbst als kleine Tücke erweist und die Schuhe sich kämpferisch nur schwer wieder lösen lassen. Ich schaue ins Publikum: strahlende Gesichter.

Als Zugabe lernen wir nach dem Applaus sogar gemeinsam eine kleine Choreografie. Es ist – ich erlaube mir diesen Ausdruck – lovely. Auf dem Weg hinaus höre ich jedoch eine Stimme fragen: „Ja, aber. Also wie? Was ist denn nun eigentlich die Essenz des Stücks?“ Lieber professional-reflection-analysis-machine-curator-body: Das ist vielleicht einer jener seltenen Momente, in denen du dich getrost deinem softessional feelbody hingeben darfst. Sollte Ihnen das schwerfallen, empfehle ich zur Lektüre André Lepecki/Sally Banes und ihre Idee der „Performance of the Senses“. Vielleicht hilft es, durch die Theorie-Fetischisierung einen Zugang zu ermöglichen – und sich gewissermaßen einen kleinen, intravenösen Zugang zur Wahrnehmung zu legen.

Der Hamburger Choreograph Alexander Varekhine beschreibt im anschließenden Panel, wie Erwachsene oftmals händeringend nach einem Sinn in der Narration suchen, während die Kinder diese sich problemlos selbst erschließen. Das Netzwerk „explore dance“ lädt im Kranfoyer zu einem Gespräch über Tanz für junges Publikum ein. Seit seiner Gründung 2018 verfolgt das Netzwerk das Ziel, zeitgenössischen Tanz als selbstverständlichen Bestandteil kultureller Bildung für Kinder und Jugendliche zu etablieren. Dafür produzieren sie mobile Pop-up-Stücke, die direkt in Schulen und andere Bildungsorte gebracht werden können. Das klingt zunächst vielversprechend. Doch die sympathische Moderatorin Juliane Raschel (Leitung „explore dance“) entscheidet sich für ein unpassendes Gesprächsformat für Zuhörer*innen, die wohl gerade in „Spiel im Spiel“ das größte Abenteuer der Tanzplattform erlebt haben: Vier Programmmacher*innen des Netzwerks (Jana Schmück, Elisabete Finger, Lara Schubert (wegen familiärer Situation aufgrund des Israel-Palästina-Krieges in Vertretung von Rotem Weissmann) und eben Alexander Varekhine interviewen sich mit Hilfe von Fragekarten gegenseitig in wechselnden Duos. Eine der Fragen lautet: „Welches Schulfach würdest du gerne einführen? Dear reader, ich gestehe: Ich nehme wenig daraus mit. Stattdessen schreibe ich in mein Notizbuch – gut sichtbar für meine Sitznachbarin –, dass ich nun meditieren werde. Sie antwortet schriftlich trocken: Sie betrachte gerade die zwei Statuen im Raum. Monumental stehen sie dort und scheinen sich verliebt anzusehen. „Vorfreude auf Lovedance“, schreibe ich in mein Notizbuch.

Zum Glück folgt bald wieder Bewegung. Regina Rossi ruft mit dem interaktiven Spielformat „Du bist dran“ zum Wettbewerb. Die Performance beginnt mit einer imposanten Eröffnung im Stil eines Boxkampfs; die vier Charaktere der Tänzer*innen werden vorgestellt. Sie treten gegen sich an – und gegen das Publikum. Die Dramaturgie verspricht Spannung, Rivalität, vielleicht sogar ein wenig Chaos. Doch als nach freiwilligen Helfer*innen gefragt wird, meldet sich zunächst niemand. Die angekündigte heated rivalry verzögert sich. Das Format ist durchaus witzig und arbeitet mit überzeugenden Ansätzen. Dennoch bleibt etwas in der Luft hängen – vielleicht, weil wir Erwachsenen uns schwer damit tun, wirklich zu spielen oder der Ehrgeiz nicht genug geweckt wird. Am Ende verliert die Figur Guysela (Guy Marsan) aufgrund der Punkte und performt einen übertrieben dramatischen Loser-Tanz, versinkt in selbstbemitleidenden Posen und endet mit einem Kommentar aus dem Publikum, der die Stille durchbricht: „Heul doch.“ Wieder Stille, als wäre nichts passiert. Die Kuratorin des „Real Dance“ Festival in Hannover, Melanie Zimmermann, amüsiert sich darüber neben mir und fragt zurecht: Ob die Kinder wohl auch so fies sind?

  • © Christoph Gredler

  • © Anja Beutler

  • © Bernd Uhlig

Am Abend erwartet die Besucher*innen auf der Großen Bühne des tjg. ein beeindruckendes Bühnenbild: „Spiegelneuronen“ von Stefan Kaegi, Teil des Kollektivs Rimini Protokoll, entstanden in Zusammenarbeit mit Tänzer*innen der Kompanie von Sasha Waltz. Uns wird buchstäblich der Spiegel vorgehalten, gar eine ganze Spiegelwand. Zunächst nutzen wir ihn ganz banal: Haare richten, Lippenstift nachziehen, kleine Selbstoptimierungen vornehmen. Dann erklärt eine tiefe Stimme, dass ein magischer Moment entstehen könne, wenn wir Bewegungen synchronisieren – wenn wir kopieren, was wir beim Gegenüber sehen. Doch ich merke, dass ich mich innerlich verweigere. Vielleicht, weil meine Sitznachbarin links enthusiastisch versucht, über Sprache Kontakt aufzunehmen: „Ich bin ja ganz aufgeregt, was hier noch passiert“. Gleichzeitig bewegt sich rechts von mir ein junger Mann mit dem Oberkörper wie eine sanft im Wasser sich wiegende Alge – bemerkenswert intensiv für jemanden, der vermutlich freiwillig nie so stark in mein emotionales Grenzfeld eindringen würde. Und plötzlich wird mir klar: Diese Situation ist choreografiert. Die vermeintlich radikale Offenheit entpuppt sich rasch als Szene. Für mich verliert das „Experiment“ damit einen Teil seiner Spannung. Wenn man wirklich radikal sein wollte, denke ich, müsste man uns einfach zwei Stunden hier sitzen lassen und sehen, was passiert. Im Foyer beschreibt eine Physikerin meinen Wunsch später mit dem Begriff „minimalinvasiv“: Die Transformation des Raumes hätte langsamer, noch unmerklicher erfolgen müssen. Während ich mich in solchen dramaturgischen Überlegungen verliere, verbinden sich meine beiden Sitznachbar*innen derweil prächtig – gewissermaßen über mich hinweg. Als plötzlich eine Projektion zwei Kinder eine Reihe vor mir, fast wie bei einer Kiss-Cam, herauszoomt, holt meine Sitznachbarin scharf Luft. Doch ich komme ihr zuvor: „Deine Kinder?“ Eingehüllt in eine kleine Blase beobachten wir die beiden, ihren Wechsel zwischen Freude und Überforderung im Rampenlicht. „Das freut mich so für ihn“, sagt sie. „Er ist eher ein Höhlen-Teenager. Kommt kaum aus seinem Zimmer.“ Also erreicht das Festival tatsächlich auch Publikum außerhalb der Tanzbubble. Erfreulich!

Auf dem Weg zum Party-Begegnungs-Format „Show-up“ im Societaetstheater komme ich mit einer Person ins Gespräch, die bereits ein Bier in der Hand hält. Je mehr das Gespräch fortschreitet, desto deutlicher wird, wie stark Alkohol offenbar auch Spiegelneuronen aktiviert. Überschwänglich begeistert schwärmt sie davon, wie es dem Stück gelingt zu offenbaren, wie leicht sich Menschen manipulieren lassen – sympathischerweise gibt sie sich völlig dem softessional feelbody hin. Sie bringt mich an die Bar, woraufhin ich das Urgestein – mir wurde nahgelegt, diese Person so zu nennen, weil es Leuten aus München schmeichelt –und Gründer der Tanzplattform Walter Heun treffe. Ein wandelndes Archiv – einmal geöffnet, kaum wieder zu schließen, stellt er zwischenzeitlich – unwissend wem er sich da überhaupt anvertraut, einfach glücklich, über die Plattform ins Schwärmen kommen zu dürfen – die These auf, dass die fehlende Gastfreundlichkeit der Berliner Plattform 2022 – auch aufgrund der langen Wege zwischen Veranstaltungsorten – für kommende Ausgaben die internationalen Gäst*innen gekostet habe. Und der nächsten Tanzplattform sei geraten: Aus Sicht des Urgesteins ist es wenig sinnvoll das Festival programmatisch zu kuratieren. Die besten Tipps und Tricks mal eben zwischen Tür und Angel. Ach ja, im Hintergrund läuft ein Astronaut durch die Szenerie: Ein Programm wurde kuratiert. Aber ich beschließe: Es ist Zeit nach Hause zu gehen. Sonst hebt der Astronaut morgen womöglich noch ohne mich ab.

Ihre ergebene Autorin

 

PS: Ist es nicht aufregend, den eigenen Kommentaren im Festivaljournal wieder zu begegnen?

PPS: Um 3:38 schrecke ich im Best Western Hotel Dresden Neustadt, Zimmer 406, aus dem Schlaf hoch. Der Laptop liegt noch auf meinem Bauch, auf Spotify läuft „I Turn to You“ von Mel C. Hilfe – ich werde noch zum Festival. Auf dem Desktop geöffnet: Datei „Tanzplattform – Tag 3“ und das Instagram-Profil einer Person, der ich gegen 13:44 an der Tramhaltestelle Albertplatz auf dem Weg ins tjg. begegnet bin. Sie erzählte mir, sie habe fast einmal an einem meiner Schreibworkshops teilgenommen. Das Profil ist privat. Ich bin zu schüchtern, eine Freund*innenschaftsanfrage zu schicken – genauso, wie ich mich gestern im „Soft Space“ nicht getraut habe, sie anzusprechen. Naiv hoffe ich, dass sie nach mir sucht: So oder so ähnlich läuft Networking auf der Tanzplattform doch, oder?  Memo an mich: Tanzbüros anschreiben und einen Workshop zum Thema „Networking“ im zweiwöchigen Wechsel mit philosophischen Texten über Mut anzufragen. Der Cursor blinkt und hypnotisiert mich zurück in den Schlaf.

PPPS: Um 4:24 schrecke ich erneut auf. Eine persönliche Bombe tickt noch: Waren meine Worte gegenüber Carena Schlewitt zu harsch? Ich muss das Gespräch suchen. Ach herrje.
Schon wieder eine Bombe zu entschärfen.

Über Thaddäus Maria Jungmann

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Foto: Malika Ouis

Thaddäus Maria Jungmann studierte Szenische Künste in Hildesheim sowie Musical in Osnabrück. Thaddäus lebt als freiberufliche*r Performer*in und Dramaturg*in in Köln, wo sich Thaddäus momentan in deren Masterthesis im M.A. Tanzwissenschaft mit künstlerischer Audiodeskription beschäftigt. Eigene Arbeiten verbinden minimalistische Konzeptkunst und Bewegung und sind geprägt von subtilem Humor und zärtlicher Provokation. Außerdem ist Thaddäus als freie*r Journalist*in bei tanz und Theater der Zeit beschäftigt.

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