TPD 2026
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tanzschreiber-Rückblick Tag 2 von Thaddäus Maria Jungmann

Dearest gentle reader,  

in einer Hofgesellschaft entstehen unweigerlich Verstrickungen. Colleagues meeting colleagues, colleagues becoming friend-ish-colleagues – und dazwischen Gäst*innen, die sich auf eine Aufführung freuen, ohne zu ahnen, welche hochexplosive bubble sie gerade betreten. Dazu kommen die Rollenwechsel: Eben noch die clevere Dramaturgieperson gechannelt, im nächsten Stehkreis trostgebende*r Freund*in, kurz darauf wieder als Produktionsleitung Förder*innen vom nächsten Projekt überzeugen wollen – und plötzlich weiß man selbst nicht mehr genau, welche Rolle man gerade spielt. Nach Artmann / Sanfte Arbeit drängt sich deshalb eine Frage auf: In welcher Beziehung stehen wir hier eigentlich zueinander? Und vielleicht noch heikler: In welcher Beziehung stehen wir zu uns selbst – und zu dem, was wir beobachten? 

Channeling Autorin: Am eigenen journalistischen Leib habe ich gestern gespürt, wie schwierig es werden kann, Dinge auszusprechen, wenn Beziehungen ineinandergreifen wie Zahnräder. Sobald man beginnt zu schreiben, geraten andere Verbindungen in Bewegung. Kritik ist jedoch keine Mediation. Sie legt zunächst frei – ohne sofort Lösungen anbieten zu müssen und ohne die Verantwortung zu tragen, sie gleich mitzuliefern. Gerade deshalb geriet meine eigene Schreibbewegung ins Stocken. Weniger, weil ich nicht wüsste, wie ich über das Festival berichten möchte, sondern weil ich unsicher geworden bin, welchen Nutzen diese Texte gerade haben sollen. Am Hof herrscht Etikette, doch den traditionellen Knicks verweigere ich. Für die nächsten Tage wähle ich deshalb eine andere Bewegung: weniger tiefenscharfe Stückanalysen, mehr ein Kaleidoskop. Ich wühle mich durch die Masse, sammle Stimmen – aus Gesprächen zwischen Café, Tram und Beruhigungsspaziergang. Vollständigkeit ist gar nicht erst das Ziel, sondern Momente der Plattform in einen Textkörper zu überführen, der snackbare Informationen prickelnd in den Lesekörper einspeist. 

Aber der Vollständigkeit halber: Die Arbeit „Songs of the Wayfarer“ von Claire Cunningham konnte durch die zeitliche Verschiebung infolge der Bombenentschärfung vom Festivaljournal leider nicht mehr abgedeckt werden. Fast scheint es jedoch, als sei das entschärfte Material selbst in kleine emotionale Knallerchen verwandelt und teilweise direkt dem Publikum serviert worden. Zuschauer*innen treten sichtlich aufgelöst aus dem Kleinen Haus des Staatsschauspiels, suchen Halt im Gespräch – zugleich berührt vom Erlebten und leicht überfordert davon, plötzlich nicht mehr nur als professional colleagues, sondern als softessional feelbodies adressiert und wahrnehmbar geworden zu sein. 

Festhalten lässt sich jedenfalls: Arbeiten, die bewusst einen Kontakt zum Publikumskörper herstellen, scheinen derzeit zu den Lieblingen der Ballsaison zu gehören. Bei Artmann/Sanfte Arbeit geschieht das über eine konsensuelle, beinahe intime Nähe; bei Cunningham – so höre ich und erinnere mich aus eigener Beobachtung beim Impulse-Festival 2025 – über das Format der relaxed performance, das dem Körper andere Möglichkeiten der Teilhabe eröffnet. Spätestens, wenn Cunningham den Tribünenberg durch das Publikum erklimmt und dabei liebevoll an ihren langjährigen Wegbegleiter Jess Curtis erinnert, wird dieser Kontakt auch als gelebte Beziehung spürbar. 

Ich spreche bewusst vom Körper, weil dieser Gedanke bereits am frühen Morgen im Format „Meet the Jury“ immer wieder auftauchte – als eines der wichtigen Kriterien der Stückauswahl, neben der Repräsentation marginalisierter Perspektiven: Wie wird der eigene Körper wieder spürbar – und welche Verbindung entsteht dabei? Die Jury selbst wirkt erstaunlich verbunden. Immerhin fließt durch ihre Körper ein lebendiges, bewegtes Archiv von über 550 gesichteten Produktionen. Wirklich nahbar werden diese Archive jedoch erst mit einer Publikumsfrage von Jonas Leifert, künstlerische Co-Leitung des FAVORITEN Festivals: „What was your heartbreak moment?“ Also: Bei welchen nicht eingeladenen Stücken bricht euch das Herz? Plötzlich treten hinter dem gemeinsamen Jurykörper individuelle Leidenschaften hervor: Alexandra Morales spricht von Momenten des Händchenhaltens zwischen Kolleg*innen in Sichtungen – und eben von Stücken, wie Britt Hatzius´ immersive Sound-Performance „MOVING OUT LOUD“, die sie persönlich sofort eingeladen hätte. Sie schwärmt davon, wie mit verschlossenen Augen in der Performance durch eine Klanglandschaft aus Stimmen und Beschreibungen der Tanz imaginär stattfindet und lädt dazu ein sich selbst wieder einmal die Frage zu stellen: Was ist eigentlich Tanz? Für einen Moment entsteht so etwas wie Nähe. 

Doch sobald der ungebetene Geist der „STRUKTURELLEN KONSOLIDIERUNGSMASSNAHMEN IM ÖFFENTLICHEN KULTURHAUSHALT“ den Raum betritt: contenance. Man spürt, dass darüber bereits intern – man will es auch hoffen – gesprochen wurde. Der eben noch offene, emphatische Körper verschließt sich wieder; wie auf ein stilles Zeichen hin werden Rollen neu eingenommen. Gestern auf der großen Bühne noch der Wunsch nach einer kämpferischen Rede von Carena Schlewitt – in diesem kleineren Rahmen lässt sich jedoch auch nachvollziehen, wie viele Rollen hier gleichzeitig getragen werden müssen. Es wirkt weniger wie Ignoranz als wie eine Form stellvertretender Ruhe, die sie für den Raum übernimmt, wenn der „Elephant im Raum“ – wie Jury-Mitglied Joana Lésnierowska es nennt – ohnehin schon anwesend ist. Im Einzelgespräch mit André Schallenberg (Jurymitglied sowie Programmleitung für Theater / Tanz bei HELLERAU) wird die Ko-Abhängigkeit zwischen Häusern und Politik noch einmal deutlich. Nichts grundsätzlich Neues. Und doch schimmert hinter dieser reifen Diplomatie gelegentlich das brave Kind durch, das besonders höflich sein möchte, um weiterhin Taschengeld zu bekommen. 

Und genau da liegt der Punkt: I´m sorry to say that, but it’s not about the Tanzplattform. Es geht nicht um den Adel, nicht um le petit bourgeois qui boit du champagne. Sondern um das Spears’sche you better work three productions while burning out balancing carework and nebenjob on top, bitch-System. Oder, um mit Artmann/Sanfte Arbeit zu sprechen: das tired-slut-System. Let’s be honest: Die Tanzplattform als Format ist nett. Aber sie bleibt die Repräsentation, die Spitze des Eisbergs, während andernorts Künstler*innen der Kulturlandschaft bereits untergehen. 

Deswegen sollten wir schon jetzt eine Brieftaube an den nächsten Austragungsort 2028 schicken: Die Tanzplattform müsste mehr sein als ein Schaufenster. Ein Ort, der Verantwortung übernimmt. Ein Ort, der sich nicht nur politisch nennt, sondern politisch agiert. Denn sie findet nur so lange statt, wie überhaupt noch Stücke produziert werden. Und letztlich geht es nicht nur um Fördererhalt – sondern auch darum, wer gefördert wird. Genau hier liegt die Chance: über Auswahl auch Visionen zu formulieren. Wer soll diese Landschaft künftig prägen? Oder: Wer prägt sie schon – und landet in dieser Ausgabe seltsamerweise, mit dem Beigeschmack von „emerging artists“ gelabelt, doch nur bei den Pitchings? Knackig, frisch, kurzweilig – auch dank einer leichtfüßigen Moderation durch Niklaus Bein – geben Adam Russell Jones, SHIBUI Kollektiv, Lotte Mueller, Fia Neises und Constantin Trommlitz (ausführlicher werde ich in der Mai-Ausgabe der Zeitschrift tanz berichten) Einblicke in ihre künstlerischen Arbeitsmethoden und in ihre bereits abendfüllenden Produktionen: Perspektiven des zeitgenössischen Zirkus, etwa bei Mueller, integrierte Aesthetics of Access – statt Barrierefreiheit wie auch bei dieser Tanzplattform lediglich nachträglich auf Produktionen aufzusetzen – wie sie in der Praxis von Neises erprobt wird oder unterrepräsentierte Tanzstile im zeitgenössischen Kontext wie Breaking bei Constantin Trommlitz: Drei abendfüllende künstlerische Positionen, die man sich ohne Weiteres im Showcase der Tanzplattform Deutschland hätte vorstellen können. Stattdessen begegnet uns Yeliz Pazar morgens um neun Uhr im Rahmen der „Mornings of Fire“, organisiert vom Breaking-Kollektiv The Saxonz, mit einer Einführung in den Waacking-Stil. Ein sympathisches Format, gewiss. Und doch beschleicht einen das Gefühl, es erfülle vor allem eine kuratorische Pflicht: einmal kurz die Club-Culture-Dances abhaken, damit das Festival beruhigt feststellen kann, auch diese Perspektiven seien vertreten. Dabei hätte genau diese Choreografin mit ihrem Stück „Point of no return“ – dem ersten selbstproduzierten deutschen Waacking-Stück im zeitgenössischen Kontext – durchaus das Potenzial gehabt, einen großen Abend zu tragen.  

  • Soft Spaces © Stephan Floss

  • Meet the Jury © Stephan Floss

  • © Klaus Gigga

  • Sven Hagolani

An dieser Stelle beginnt eine reflexionsbasierte, gossipinspirierte Gemengelage-Wortchoreografie, bei der die Gossipgemeinschaft der Jury kurz keinen unterstützenden Rückhalt geben kann: Warum also Pazar am Morgen im Workshopformat für ein cooles Image der Plattform verantwortlich machen, während sie am Abend womöglich ein ganzes Haus hätte füllen können? Die kursierenden Argumente sind schnell zusammengefasst: Für das Festspielhaus HELLERAU brauchte es noch eine große Produktion. Kleinere, formal experimentellere Arbeiten hätten dort nicht „hineingepasst“. Gleichzeitig – so raunt es im Gossipstrudel – wollte man der Szene ein beruhigendes Signal senden: Seht her, große Produktionen sind trotz der Kürzungen weiterhin möglich. Lassen Sie mich Ihnen nun, dear reader, kurz den Arm reichen, damit wir elegant eindrehen und einen genaueren Blick – während ich Ihnen heimlich ins Ohr flüstere – auf die Produktion „Reparation Nation“ von Jessica Nupen werfen können. 

Das Thema der Reparationen ist im Tanzfeld keineswegs überrepräsentiert – im Gegenteil. In diesem Moment würde selbst die ansonsten skeptische Gossipgemeinschaft der Jury, ganz im Sinne einer Artmann’schen konsensuellen Zustimmung, anerkennend die Hand auf die Schulter legen: ein wichtiges Thema. Doch gerade diese Zustimmung hat eine seltsame Nebenwirkung. Sie lenkt davon ab, genauer hinzusehen, wie diese Inhalte auf der Bühne eigentlich verhandelt werden. Und hier beginnt das Problem. Dramaturgisch gesprochen hat die gewählte Form dem Thema keinen Gefallen getan. Im Gegenteil: Der Abend entwickelt trotz schillernder Farben eine didaktische Schwere und eine ästhetische Grobheit, die den komplexen politischen Fragen, die er aufruft, kaum gerecht wird. Die Inszenierung bleibt bei plakativem Anklagen stehen, während die Bühne eher zum moralischen Tribunal als zu einem Ort differenzierter Auseinandersetzung wird. Die Performances wirken stellenweise instrumentalisiert, das dramaturgische Gefüge bleibt überraschend eindimensional. Ein Thema, das eigentlich nach vielstimmiger Verhandlung verlangt, wird auf eine Form reduziert, die vor allem Zustimmung einfordert. 

Am nächsten Morgen stoße ich auf ein Meme, das den Abend – insbesondere den Schlussapplaus – vielleicht prägnanter zusammenfasst, als ich es je könnte (vielleicht sehen wir uns gleich schon in den Kommentaren). Während Jessica Nupen repräsentativ in der Mitte zwischen schwarzen Tänzer*innen steht, versucht sich das Publikum gegenseitig zu beruhigen: Sie sei schließlich in Südafrika aufgewachsen. Doch geografisch am selben Ort aufzuwachsen, bedeutet noch lange nicht, die dort bestehenden Machtverhältnisse auch kritisch zu reflektieren. Gerade internationale Gäste beginnen zu fragen, warum in Deutschland – zumindest so, wie es auf dieser Plattform sichtbar wird – schwarze Tänzer*innen von weißen Choreograf*innen inszeniert werden. Parallel dazu beginnen andere Stimmen zu murmeln, dass es in diesem Zusammenhang eigentlich Gossip gebe, der noch nicht öffentlich geworden sei. An dieser Stelle sei jedoch festgehalten: Über Dinge zu berichten, die nicht nachgewiesen sind, wäre fahrlässig. In Rücksprache mit der Projektleitung der Plattform – Christoph Bovermann und Elisabeth Krefta – wird darauf hingewiesen, dass es sich bei solchen Andeutungen keineswegs um harmlosen Festivaltratsch handeln würde. Sollten sich entsprechende Gerüchte bestätigen, stünden vielmehr ernsthafte strukturelle Probleme im Raum. 

Wie Sie sehen, dear reader, greife ich inzwischen sogar auf Instagram-Memes zurück, um einen Theaterabend zu beschreiben. Während ich das schreibe, wird mir bewusst, wie ich über Jahre hinweg darin ausgebildet wurde, die Kraft des Tanzes in Worte zu fassen, ihn sprachlich zu verhandeln. Und doch beschleicht mich der Verdacht, dass ich gar nicht die Kompetenz habe, bestimmte politische Dimensionen dieser Arbeiten angemessen zu besprechen. Ich vermute allerdings, dass es sich dabei sowohl um ein persönliches Defizit als auch um ein strukturelles Problem des Tanzjournalismus handelt. Memo an mich – und vielleicht auch an den Tanzjournalismus insgesamt: Nach diesem Festival werde ich dem Dachverband Tanz Deutschland und dem investigativen Medienhaus CORRECTIV vorschlagen, bei der nächsten Tanzplattform einen Workshop für Journalist*innen anzubieten. Einen Workshop darüber, wie über Tanz berichtet werden kann – und vielleicht noch wichtiger: wie über die politischen und strukturellen Fragen gesprochen werden kann, die sich in diesen Abenden spiegeln. Und ja, auch darüber, wie man mit Situationen umgeht, in denen Kritik, Verantwortung und Unsicherheit ineinandergreifen. 

In all diesem Strudel ist es jedenfalls beruhigend, dass die Jury das Format der Soft Spaces eingerichtet hat. Aus gegebenem Anlass entscheide ich mich für den von Joanna Leśnierowska kuratierten Raum, der sich dem Thema Hope widmet. Als Ihre ergebene Autorin sehe ich meine Aufgabe nicht nur darin, Ihnen Informationen zu liefern, sondern auch ein wenig Fürsorge walten zu lassen. Leśnierowska versorgt die Gäst*innen unter anderem mit der Wahrnehmungsübung „5 Ways to See“ der Judson-Dance-Theater-Künstlerin Barbara Dilley – eine kleine didaktische Einladung, dem Gesehenen mit mehr Aufmerksamkeit zu begegnen; und auch den Stücken mit einer Wertschätzung zu begegnen.  Und vielleicht gehört zur Wertschätzung auch dies: Danke, Jessica Nupen, für den Kuchen, der im Anschluss serviert wurde. Und auch ich möchte Sie am Ende liebevoll eine praktische Erinnerung senden: Stellen Sie sich einen Wecker, damit Sie im Plattform-Marathon die Essenszufuhr nicht vergessen. Mir wurde zugetragen, dass dadurch der Anteil von Mundgeruch während des Festivals bereits deutlich zugenommen hat. Eine Packung Pfefferminz liegt übrigens bei der Akkreditierung im Festivalzentrum bereit. 

Denn eines ist gewiss: 
Gossip entfaltet seine volle Wirkung nur aus frischen Mündern. 

Ihre ergebene Autorin 

About Thaddäus Maria Jungmann

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Photo: Malika Ouis

Thaddäus Maria Jungmann studied scenic arts in Hildesheim and musical theatre in Osnabrück. Thaddäus lives as a freelance performer and dramaturge in Cologne, where Thaddäus is currently working on her master's thesis in M.A. Dance Studies with artistic audio description. Her own works combine minimalist conceptual art and movement and are characterised by subtle humour and tender provocation. Thaddäus also works as a freelance journalist for tanz and Theater der Zeit.

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