TPD 2026
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tanzschreiber–Rückblick Tag 1 von Thaddäus Maria Jungmann

Dearest Gentle Reader,

hören Sie es auch? Dieses Ticken?

Man sagt – und das mit einer gewissen beiläufigen Selbstverständlichkeit –, dass sich dieser Tage in Dresden das Beste versammelt habe, was der zeitgenössische Tanz der letzten zwei Jahre in Deutschland hervorgebracht hat. Ich, als Ihre beobachtende Autorin, lade jedoch dazu ein, diesem Begriff eines Best Of mit Skepsis zu begegnen. Als Erinnerung: Denn wer Stücke nur nach ästhetischer oder handwerklicher Qualität bewertet, sucht lediglich an der Oberfläche. So gerät aus dem Blick, was die Arbeiten über die Entwicklung des zeitgenössischen Tanzes erzählen – und wie sie, wie ein seismographischer Sensor, gesellschaftliche Spannungen, Krisen und Hoffnungen aufzeigen.

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Allerdings verleiht das Festspielhaus Hellerau in Dresden als diesjähriger Austragungsort durch seine strenge, geometrische Architektur eine Aura, als hätte sich der Tanz-Adel zum Ball der Saison versammelt. Während Taxis die Hofeinfahrt vorfahren und die ersten Sektgläser beim Anstoßen klirren, liegt über der Stadt eine eigentümliche Spannung. Denn in diesen Tagen muss in Dresden eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg entschärft werden – ein Spiegelbild der Tanz-Szene: Während draußen Spezialist*innen eine tickende Vergangenheit unschädlich machen, treffen wir uns im sicheren Drinnen, um über die Gegenwart und Zukunft des Tanzes nachzudenken.

strategic seductive sparkly sparkling sparkle sekt

Der Auftakt des Festivals verweigert sich einem erwartbaren höfischen Zeremoniell. Statt eines steifen Meet-and-Greet-Rituals bei Kaffee und Kuchen beginnt die Tanzplattform mit einem (Casual-)Nachmittags-Lapdance. Elsa Artmann/Sanfte Arbeit verhandelt in „Langes Wochenende“ kollegiale Zärtlichkeit als Beziehungsutopie innerhalb künstlerischer Arbeitsprozesse. Die Bewegungen der drei Tänzer*innen haben nichts von demonstrativer Verführung; eher wirken sie wie ein vorsichtiges Einüben konsensueller Fürsorge. Besonders intim sind überraschenderweise die beobachtenden Momente aus der Ferne: wenn die Tänzer*innen einzeln Kontakt zu einer Person aus dem Publikum aufnehmen und leise den Ablauf eines Lapdance erklären. Die Worte sind nicht zu verstehen – aber die Situation ist vollkommen lesbar. Nähe wird hier nicht behauptet, sondern ausgehandelt. Lassen Sie mich als Ihre Autorin dabei doch bitte selbst kurz im beobachtenden Stuhl versinken und starke Gefühle haben: Dieses Stück, in all seiner textlichen Cleverness, seiner feinfühligen Vernetzung auf verschiedenen Wahrnehmungsebenen und der fast beiläufigen Selbstentlarvung sozialer Angewohnheiten – die es Zuschauer*innen ermöglicht, ehrlich mit sich selbst zu werden –, besitzt den Mut, innerhalb eines einzigen Glides über den Stuhl zwischen zärtlichem Humor und radikaler Ernsthaftigkeit zu wechseln und dabei fortwährend Konsens zu verhandeln. Ein hervorragender Auftakt für jedes Festival, weil er das Publikum unmittelbar in die Bedingungen künstlerischer Arbeit hineinzieht, den eigenen Blick der Rezeption reflektieren lässt und daran erinnert, dass Nähe, Fürsorge und Zustimmung auch im Kulturbetrieb keine Selbstverständlichkeiten sind, sondern Praktiken, die immer wieder neu ausgehandelt werden müssen. Denn wenig später werden die – wenn auch nur beobachtend in diese zarte Ökonomie der Nähe hineingezogenen – gelapdanceten Körper durch die Tram 8 eng aneinander zurück in die Stadt geruckelt. Ein kurzes Lächeln, wenn sich Hände an derselben Stange berühren. Als hätte die Aufführung eine kleine Verschiebung im sozialen Raum hinterlassen. Pathetisch gesagt: ein Gefühl von Verantwortung füreinander.


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Am Abend bei der offiziellen Eröffnung in der Staatsoperette romantisiert die Sächsische Staatsministerin für Kultur und Tourismus Barbara Klepsch (CDU) in Beamtenpoesie den Tanz als universelle Sprache. Tanz beginne dort, wo Worte nicht mehr ausreichen. Doch gerade deshalb drängt sich eine Frage auf: Was geschieht, wenn man eigentlich etwas sagen müsste – über Kriege, über Kürzungen, über die prekäre Zukunft einer Kunstform – und stattdessen ein Schweigen eintritt? Wie wäre es, wenn Frau Klepsch diese Realitäten, wie selbst vorgeschlagen, bei Sprachlosigkeit einfach in Bewegung übersetzte? Oder müsste beim existenzielle Überlebenstanz prekärer Künstler*innen – dargeboten von einer festangestellten Politikerin – schon von Aneignung gesprochen werden?

boom boom boom

Die Künstlerische Leiterin von HELLERAU, Carena Schlewitt, spricht die prekäre Fördersituation in ihrer Rede zwar an – doch erst am Ende, zurückhaltend, in braver Intendanz-Manier eben. Selbst wenn diese duckmäuserische Vorsicht strategisch gedacht ist, um den Bauch der anwesenden Politiker*innen zu pinseln, sollte sie in solchen Positionen nicht länger geduldet werden: Sie spielt den politischen Entscheidungen in die Hände und lähmt die Szene, weil (zunehmende) prekäre Zustände so leicht als gegeben hingenommen werden. Verständlich mag sein, dass sie die Feierlichkeit nicht belasten will – doch sollten solche Diskurse dann wenigstens im Rahmenprogramm angeboten werden. Immerhin ist das Team im Auswahlprozess der Stücke der aktuellen kritischen Lage bereits bewusst begegnet, wie Jury-Mitglied Joanna Leśnierowska es im Programmheft noch einmal deutlich macht: „Der Sichtungsprozess fand im Licht – oder besser gesagt im Schatten – all der finanziellen Kürzungen und Schwierigkeiten statt, die die deutsche Tanzszene momentan zum Teil existenziell belasten“, und „angesichts von Konflikten und Kriegen, die uns so nah sind wie nie zuvor.“

Man wünscht sich, die Berater*innen des Dresdner Oberbürgermeisters Dirk Hilbert (FDP) hätten dieses Statement vorher gelesen, um ihn davon abzuhalten, als herrlich ignoranter Gastgeber von einer „Bombenstimmung in der Stadt“ zu sprechen. Herr Hilbert, nur zur Erinnerung: Außerhalb Ihres Freistaates Sachsen herrscht Krieg – und deutsche Bomben werden eingesetzt, Geld fließt also in Krieg statt in Bildung. Und falls Sie sich weiterhin mit dem Erbe Mary Wigman brüsten möchten: Es wäre nur fair, im gleichen Atemzug zu erwähnen, dass Wigman während der NS-Zeit um Förderung bat, überzeugt, ihr Tanz könne der Ideologie dienen – eine Haltung, die sie später als widerständig umdeutete. Dies spielte sich ungefähr zu der Zeit ab, als man die Bombe, die heute entschärft wurde, auf Dresden abwarf. Aber warum nicht: Lieber nach der Rede es sich erst einmal im flauschigen Flauschi-Flausch-Klapp-Sessel gemütlich machen und während des Eröffnungsstücks „UNTIL THE BEGINNINGS“ der Kompanien-Kooperation Mouvoir/Stephanie Thiersch und École des Sables/Alessandra Seutin – witzigerweise eben unter anderem über Gastgeber*innenschaft – bei dem Satz „Niemand ist frei, solange nicht alle frei sind“ hoffentlich einen kathartischen Moment erleben. (Ausführlicher Bericht)

gossip gossip gossip

Ich möchte dem Dresdner Bürgermeister Dirk Hilbert (FDP) in seiner Rede zustimmen: „Seien Sie dabei, bringen Sie sich ein.“ Ein Festival lebt von den Menschen, die es besuchen. Doch während im Rahmenprogramm weder Politiker*innen oder andere Verantwortliche zur Diskussion über die Fördersituation eingeladen sind noch innerhalb der Akkreditierten ein autonomes Angebot geschaffen wird, muss sich der Raum von selbst erschaffen – ein soziales, vernetzendes Feld, in dem man Ideen austauschen, Bündnisse schmieden und kleine Revolutionen planen kann. Deswegen appelliere ich: Finden Sie Verbündete, indem Sie sich erkenntlich zeigen: Tragen Sie Ihr Hanky am Oberarm; als Zeichen für gewünschte Verbindung zum Widerstand.  

Aber es kann auch subtiler ablaufen: Denn wie in jeder höfischen Gesellschaft ist Gossip mehr als Klatsch. Es ist ein Kommunikationssystem, ein inoffizielles Parlament der Szene, das Struktur schafft, wo formelle Kanäle versagen. Wenn wir die Tanzplattform als Ball verstehen, dann lassen Sie uns den Gossip ernst nehmen – als Instrument, um die wahren Themen zu benennen und gemeinsam Handlungsspielräume auszuloten: Sollten diese fünf Tage nicht auch dazu dienen, über die Art und Weise nachzudenken, wie wir künftig arbeiten wollen?

tricky ticky tricky

Anders als Lady Whistledowns anfängliche anonyme Autorinnenschaft ist meine offiziell. Sie erkennen mich an meinen pinken Nägeln. Sollten Sie eine wichtige Information anonym veröffentlichen wollen, müssen Sie sich nur in meine Nähe stellen, damit ich sie aufschnappen kann. Meine Ohren und mein Stift sind gespitzt.

Die Kriegsbombe zwar erfolgreich entschärft, tickt die Bombe innerhalb der Szene weiter. Als wäre es ein Symbol, dass gerade Claire Cunninghams Stück – was ich Ihnen schwer ans Herz lege – wegen der Bombenentschärfung verschoben werden muss, in einer Szene, in der besonders behinderte Künstler*innen strukturell gefährdet sind: Während Gelder gekürzt und Mittel für marginalisierte Gruppen gestrichen werden, trifft die Realität der Prekarität diejenigen am härtesten, die ohnehin schon an den Rand gedrängt sind. Eine echte Bombe, die nicht entschärft, sondern ignoriert oder gar bewusst entzündet wird, Herr Weimer.

Bis dahin gilt: Bleiben Sie aufmerksam.
Und seien Sie versichert: Sie werden es hier zuerst erfahren. 

*pinken Lippenstift nachzieh*

Ihre ergebene Autorin

About Thaddäus Maria Jungmann

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Photo: Malika Ouis

Thaddäus Maria Jungmann studied scenic arts in Hildesheim and musical theatre in Osnabrück. Thaddäus lives as a freelance performer and dramaturge in Cologne, where Thaddäus is currently working on her master's thesis in M.A. Dance Studies with artistic audio description. Her own works combine minimalist conceptual art and movement and are characterised by subtle humour and tender provocation. Thaddäus also works as a freelance journalist for tanz and Theater der Zeit.

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